Die Emanzipation des Online-Nutzers
Als ich im zarten Alter von 15 Jahren zum ersten Mal die melodischen Geräusche meines damaligen Modems hörte, wusste ich noch nicht, wie mich das Internet in Zukunft beeinflussen würde. Jedoch war das Vergnügen kurz, denn zur damaligen Zeit waren die Einwahl- und Minutenpreise noch unerschwinglich. Ich musste hart dafür Schuften, um mir das Surfen im Internet leisten zu können. Jeden Samstag Prospekte austragen. Wer das in seiner Kindheit auch machen musste, weiß wie beschissen dieser Job ist…
Doch einige Jahre später wurden die Preise erschwinglich, die Provider traten in einen Konkurrenzkampf, der für uns Nutzer nur von Vorteil war. Die Minutenpreise purzelten und dann kam auch noch ISDN. Super. Endlich war auch etwas Bandbreite im Spiel. Doch mehr Bandbreite bedeutete mehr Freiheit im Netz, die Zeit und Geld kostete. Meine Telefonrechnungen sahen immer lustig aus, doch auch dies sollte sich endgültig ändern, als der Gott der Bandbreite die Erde betrat: DSL. Super, mit DSL kam die ultimative Bandbreite, mit DSL kamen die richtigen Flatrates, mit DSL wurde das Internet Teil unserer Gesellschaft und der Wirtschaft. Die Bubble kam, sah und platzte. Doch das Internet war unzerstörbar und das Surfen im Netz mittlerweile fast umsonst.
15 Jahre nach meinem ersten schüchternen Kontakt mit dem Internet erlebte ich, wie das Internet die nächste Evolutionsstufe erreichte. Web 2.0! Wahnsinn, was ist da passiert! Wir Nutzer wurden demokratisiert, bestimmen durch unseren eigenen Content was im Internet zu sehen ist. Aber das ist ja noch nicht alles. Nun können wir schon im Internet Geld verdienen. Provisionen da und hier, Links, Produkttests und –bewertung bringen auch schon ein wenig Geld. Im Internet Geld verdienen anstatt für die Nutzung riesige Summen zu bezahlen… Da sieht man wieder, dass in diesem recht jungen Medium Potenziale schlummern, die wir nicht annähernd erahnen können. Ich bin gespannt, wohin die Reise geht.



3 Kommentare
willyam
1. September 2007
Auch ich bin gespannt, wohin die Reise geht, stehe der Reiseleitung aber sehr viel skeptischer gegenüber. Habe neulich versucht, mich ein wenig in die postmoderne Verbraucherforschung einzulesen. Der erste Eindruck: ich fühle mich überwältig. Zunächst weder positiv noch negativ; nehme ich aber einen Schritt zurück, erkenne ich “bloß”, dass man sich als Verbraucher auf Dauer nicht mehr zurückziehen können wird. Sobald die Marktetingabteilungen erkannt haben, dass die Abnehmer ihrer Produkte doch sehr viel komplexer denken als sie bisher angenommen haben und Marken sich nicht als Eins zu Eins Bedürfnisstimulanten und -befriediger verkaufen lassen, sondern immer wieder auf ganz persönlicher Ebene und innerhalb eigener Sinnzusammenhänge be-deutet, also mit Sinn versehen werden, bleibt mir weniger Freiraum. Der Markt expandiert in jede profitable Richtung, und damit eben auch ins Netz. Hier wird sich der frühere “Gegensatz” zwischen Massenproduktion und klassischem Marketing vielleicht sogar ganz auflösen: Die Marke wird nicht mehr e i n e Botschaft transportieren, sondern parallel jeweils immer wieder neu auf kleinste Zielgruppen ausgerichtet. Ganz an den Bedürfnissen der Verbraucher orientiert, die man hier offen ablesen und durch die Zielgruppen persönlich testen lassen kann. Statt Nische also auch hier bald Konsum?
Sylvio
3. September 2007
Hallo Willyam,
die klassische Markenkommunikation/-führung funktioniert im Netz nicht, das haben die großen Markenmanager schon erkannt und einige Konzepte entwickelt (z.B. Brand Wikization). Für die Zukunft bedeutet dies, dass unter einer Marke nicht mehr das klassische Bild einer monumentalen Institution zu subsumieren ist. In dem Punkt sehe ich das genauso. Marken werden immer individueller und in Zukunft für jeden Konsumenten personalisiert. Nike ist diesbezüglich ein Vorreiter. Sie emotionalisieren ihre Konsumenten und geben ihnen die Möglichkeit ihre Produkte zu personalisieren, binden sie somit in Geschäftsprozesse ein, lassen sie durch eine Community an dem “Nike Flow” teilhaben, etc…
Für Konsumenten wird es keine Eingrenzung des Freiraumes geben. Als die Werbung in die Kino´s und das Fernsehen Einzug fanden war es noch auffallend, heute sind die meisten Nutzer “resistent” geworden. Ähnlich sehe ich es bei der nutzerorientierten Markenführung. Irgendwann werden wir auch dies ausblenden und die Markenmanager lassen sich etwas Neues einfallen, um die Aufmerksamkeit der Konsumenten an sich zu reißen…
willyam
9. September 2007
Ich weiß nicht so recht: Ich bezweifele, dass es, wie Du schreibst, “[f]ür Konsumenten […] keine Eingrenzung des Freiraumes geben” wird. Schlussendlich aber ist das vermutlich eine Frage der Gefühlslage. Mein Einwand ist lediglich, dass ich die Reichweite einer “nutzerorientierten Markenführung” nicht abschätzen kann. Ich weiß nicht, wie psychologisch ausgefeilt die Methoden noch werden “dürfen” oder “sollen”. Unter meinem Anflug von Pessimismus möchte ich meine Befürchtung so formulieren: Ich fühle mich bedrängt, reduziert, nur noch auf meine Kaufkraft angesprochen. Es geht mir also nicht um die Wahrung von Freiräumen, sondern werbefreien Räumen.
Hier im benachbarten Kreuzberg hat diese Abwehrhaltung vor kurzem öffentlichen Ausdruck gefunden: http://publicspam.blogsport.de/2007/08/29/spamfilter-im-oeffentlichen-raum/ …
… und im Economist findet das Thema unter anderen Vorzeichen ebenfalls Beachtung: http://alteverything.blogspot.com/2007/09/alle-wege-fhrn-zu-google.html
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